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"Deutschland" - Auslandszeitschrift der Bundesrepublik Deutschland

Wissenschaft in den Medien

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Was ist eine Stammzelle und warum ist ihre Verwendung für die Forschung so umstritten? Wer hat "La Traviata" komponiert? Welche dieser beiden Fragen sollte man auf jeden Fall beantworten können? Ein großer Teil der Leser wird sich hier vermutlich inzwischen für die erste Frage entscheiden. Die Vorstellung dessen, was Bildung ausmacht, hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verschoben. An die Stelle des Klassikerzitats, mit dem Mitglieder des Bildungsbürgertums in früheren Zeiten ihre Zugehörigkeit zu eben diesem annoncierten, ist heute naturwissenschaftliches Fragmentwissen getreten. Quelle dieses neuen Bildungskanons sind neben Schule und Universität vor allem die Medien.

Seit Monaten hält sich ein Thriller auf den deutschen Bestsellerlisten, in dem sich eine dramatische Handlung mit seitenlangen Informationen aus den Meereswissenschaften abwechselt. "Der Schwarm" von Frank Schätzing entwirft ein Katastrophenszenario, in dem das Ökosystem Tiefsee aus den Fugen gerät. Fischer verschwinden spurlos, Wale attackieren harmlose Touristen, Quallen blockieren Öltanker und ein Tsunami überflutet die europäischen Küsten. Forscher sind die Helden dieses Buches und einer der wissenschaftlichen Berater des Autors, Gerhard Bohrmann, zum Zeitpunkt der Buchrecherche noch am Forschungszentrum für marine Geowissenschaften (GEOMAR) in Kiel (heute: Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel), inzwischen Professor für Marine Geologie an der Universität Bremen, findet sich unter seinem richtigen Namen auch im Roman wieder. Der Wissenschaftskrimi erzeugt eine Lesehaltung, bei der Fakten über den Golfstrom mit der gleichen gespannten Aufmerksamkeit aufgenommen werden wie die Fortsetzung der Romanhandlung.

Wissenschaft ist "in". Nachdem sie jahrelang die Domäne von speziellen populärwissenschaftlichen Zeitschriften waren, rücken Wissenschaftsthemen zunehmend in den Mainstream der Informations- und Unterhaltungskultur vor. Ende des Jahres 2004 haben die Süddeutsche Zeitung, als eine der führenden überregionalen Tageszeitungen, und DIE ZEIT, eine der großen deutschen Wochenzeitungen, in einem Kopf-an-Kopf-Rennen fast zeitgleich jeweils ein neues populärwissenschaftliches Magazin herausgebracht. Beide haben sich inzwischen mit Druckauflagen von 200.000 (ZEIT Wissen) und 150.000 (Süddeutsche Wissen) am Markt etabliert. In deutschen Radio- und Fernsehsendern finden sich Wissenschaftsbeiträge zu fast jeder Tageszeit. Die Formate sind dabei vielfältig. Tierfilme stehen neben Sendungen, die über Gesundheitsfragen aufklären, kulturelle Reportagen neben Dokumentationen. Insgesamt reicht das Spektrum von der differenzierten und anspruchsvollen Behandlung eines Themas in seinen unterschiedlichen Aspekten bis zum Einsatz von wissenschaftlichen Elementen in Quizshows, wo Forschungsergebnisse als Kuriositäten oder als Aufhänger für Showeffekte fungieren. Neben der Freude über die gesteigerte Präsenz von Wissenschaft gibt es denn auch kritische Stimmen.

"In der Konkurrenz zwischen den Unterhaltungssendungen werden gegenwärtig neue Register gezogen", beobachtet Ranga Yogeshwar, Wissenschaftsredakteur beim Westdeutschen Rundfunk und Moderator verschiedener TV-Wissenschaftssendungen. "Der Anspruch, wissenschaftliche Erkenntnisse in ihrer Entstehung zu verfolgen, sich mit Kontroversen auseinanderzusetzen, den gesamten Prozess des wissenschaftlichen Denkens nachzuvollziehen, verschwindet. Es spricht nichts dagegen, in der Vermittlung von Wissenschaft auch Unterhaltungseffekte einzusetzen, allerdings sollte dies zielgerichtet erfolgen; der Reiz sollte genutzt werden, um eine Tür aufzustoßen und die Zuschauer für ein Thema zu gewinnen." Eine Ursache für die zunehmende Popularität von Wissenschaftsthemen könnten die Public Relations-Aktivitäten seitens der Wissenschaft und insbesondere seitens der Wissenschaftsförderer sein. Mittelgeber wie die Europäische Union oder das Bundesministerium für Bildung und Forschung bemühen sich seit Jahren um einen intensiveren Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Hintergrund ist das Bestreben, dem in die Forschung investierenden Steuerzahler etwas zurückzugeben.

Einen Mentalitätswandel erkennt hier auch Professor Dr. Detlev Ganten, Gründungsdirektor des Max-Delbrück- Centrums für Molekulare Medizin in Berlin-Buch und Vorstandsvorsitzender der Berliner Charité, des europaweit größten Universitätsklinikums. "Bis vor einigen Jahren war es so, dass man von den Kollegen nicht ernst genommen wurde, wenn man sich vor nicht-wissenschaftlichem Publikum äußerte", erzählt Ganten. "In zwischen gibt es Initiativen wie ,Wissenschaft im Dialog' oder den Communicator-Preis des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft, der jedes Jahr von der Deutschen Forschungsgemeinschaft verliehen wird. Alle haben begriffen: Wenn Wissenschaft sich nicht verständlich macht, kann sie auch nicht mit Unterstützung aus Politik und Gesellschaft rechnen."

Um diesen Dialog voranzutreiben, hat Ganten selber ein Buch veröffentlicht mit dem lapidaren Titel: "Naturwissenschaft: Alles, was man wissen muss", in dem eine Art Bildungskanon der Naturwissenschaften entworfen wird. Ganten und seine Ko-Autoren begeben sich hier an eine zusammenfassende Darstellung des Universums, des Lebensraums Erde und des menschlichen Körpers. "Die Naturbeobachtung ist das Entscheidende, ihr gilt die erste Neugier des Kindes. Aus ihr entwickelt sich erst die Kultur. Der Weg in die Wissensgesellschaft führt über die Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften", so Ganten.

Eine Folge der diversen Popularisierungsaktivitäten ist sicherlich, dass Hemmschwellen im Umgang mit wissenschaftlichen Inhalten abgebaut werden. Dies ist wiederum Teil des Umkodierungsprozesses, den das allgemeine Verständnis von Wissenschaft gegenwärtig erfährt. Demnach ist Wissenschaft nicht länger ausschließlich die Domäne derjenigen, die sich durch ihre Bildungsbiographie das Recht an einer Diskussionsteilhabe erworben haben. Mitreden darf im Gegenteil jeder, der sich angesprochen fühlt, sei es, weil Forschungsergebnisse in irgendeiner Form Auswirkungen auf seinen Alltag haben, oder einfach aus purem Interesse.

27.09.2006
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