Alexander von Humboldts "tolle Idee"
Zur Aktualität der Neu-Edition seines "Kosmos"
This article in English
Leser der Zeitschrift der Humboldt-Stiftung werden sich erinnern: Es war im Juli 2001, als die erste Ausgabe der neu konzipierten Zeitschrift für die Stipendiatinnen und Stipendiaten in aller Welt mit dem Titel "Kosmos" erschien, mit dem die Alexander von Humboldt- Stiftung den Rückblick wagte auf Alexander von Humboldts eigenes "Kosmos"-Werk. Es war ein Rückblick, der mit der stillen Hoffnung verbunden war, dass Humboldts unvergleichliches - zwischen 1845 und 1862 in fünf Bänden bei Cotta in Tübingen erschienenes - opus magnum eines Tages wieder in einer vollständigen Neu-Edition der Originaltexte heutigen Lesern zugänglich sein möge. Eine Hoffnung, die in diesem Jahr, einen Tag nach Humboldts 235. Geburtstag (am 14. September) unverhofft Wirklichkeit wurde. Im originalen Folio- Format (und mit dem Atlasband von Berghaus) in der von Hans Magnus Enzensberger im Eichborn Verlag herausgegebenen "Anderen Bibliothek" erschien auf dem Buchmarkt endlich wieder jenes grandiose Alterswerk, das Humboldt selber erläutert hat mit den Worten: "Ich habe den tollen Einfall, die ganze materielle Welt… in Einem Werke darzustellen".
Zugänglich ist damit wieder jene singuläre Einheit von Anschauung und begrifflichem Denken, die seit Alexander von Humboldt nicht nur den Wissenschaften, sondern auch unserem Bildungswesen abhanden gekommen ist und deren Verlust Humboldt schon 1855 auf die Formel gebracht hat: "Wäre ich der jetzigen Schulbildung in die Hände gefallen, so wäre ich leiblich und geistig zu Grunde gegangen ..." Für die Mitglieder der Humboldt-Familie weltweit sind mit dieser Neu-Edition vor allem auch wieder Humboldts Forscherleidenschaft, sein Enthusiasmus und seine grenzen- und fächerübergreifende Neugierde zugänglich. Jene freie Bewegung des Geistes also, die Wissenschaft als ein großes Ganzes versteht, das mehr ist als ein bloßer Beitrag zum Wirtschaftswachstum. Ein Ganzes, das Staunen weckt und die Lust, weiter zu fragen. Es ist jene Haltung des Namenspatrons der Stiftung, die jenseits der damals neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse das "Kosmos"-Werk weiterhin als Vorbild für den Geist und die Zielsetzungen der Stiftung erscheinen lässt.
Ähnliche Empfindungen und wissenschaftlichen Eros weckt denn auch die ebenfalls am 15. September in der "Anderen Bibliothek" erschienene erste deutsche Übersetzung der Humboldtschen "Ansichten der Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker Amerikas" sowie die Neuausgabe seiner "Ansichten der Natur". Man wage das Abenteuer, diese Werke neu zu lesen, um erneut das enthusiastische Urteil bestätigt zu finden, das kein Geringerer als Charles Darwin notiert hat: "Ich habe ihn immer bewundert, jetzt bete ich ihn an".
|