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Preisträger/innen als Mittler zwischen Welten

Neue Erkenntnisse zu deutsch-amerikanischen Beziehungen

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Seit 1972 wurden über 2.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den USA mit dem Humboldt-Forschungspreis ausgezeichnet. Was motiviert die international renommierten Forscher, die Einladung zu einem langfristigen Forschungsaufenthalt in Deutschland anzunehmen? Wie gestalten sie ihre Aufenthalte und was sind die wichtigsten Auswirkungen? Welche Schlüsse ergeben sich daraus für die Attraktivität des Forschungsstandortes Deutschland?

Diesen Fragen geht eine vor kurzem abgeschlossene Doktorarbeit am Geographischen Institut der Universität Heidelberg nach. Ausgewertet wurden anonymisierte Humboldt-Daten zu allen US-Preisträgern der Jahre 1972-1996 (n = 1.719), eine postalische Vollerhebung (Rücklaufquote 65 Prozent, das heißt 1.020 Fragebögen) und 61 persönlich geführte Leitfadeninterviews mit US-Preisträgern der Regionen Boston und San Francisco.

Zu den wichtigsten Ergebnissen gehört der Beitrag der Preisträgeraufenthalte zur Formierung und Erhaltung langjähriger informeller Forschungsverbünde über Fächerund Ländergrenzen hinweg. Gerade der alltägliche persönliche Kontakt ermöglicht überraschende Erkenntnisse und Kooperationen, die auch im Internetzeitalter sonst nicht zustande kämen.

Nach den Aufenthalten unterhielten doppelt so viele Wissenschaftler engere wissenschaftliche Kontakte in Deutschland als zuvor (75 Prozent). Fast jeder zweite USPreisträger kam für einen weiteren längeren Aufenthalt nach Deutschland (oft im Rahmen einer Wiedereinladung). Rund ein Drittel der Preisträger vermittelte Aufenthalte amerikanischer Post-Docs und Doktoranden in Deutschland (unter anderem Humboldt-Stipendiaten). Am häufigsten wurde der persönliche Kontakt durch deutsche Post-Docs in den USA fortgesetzt (66 Prozent der Fälle; meist Feodor Lynen-Stipendiaten). Ein wichtiges wissenschaftspolitisches Handlungsfeld sind längere USA-Aufenthalte etablierter deutscher Professoren (zum Beispiel Humboldt-Gastgeber). Wegen grundlegender Unterschiede in der Wissenschaftsorganisation und mangels angebotener Programme erfolgte diese Art der weiteren Kooperation nur selten (weniger als 10 Prozent der Fälle).

Systematische Unterschiede in Gestaltung und Auswirkungen von Aufenthalten existieren zwischen Preisträgern unterschiedlicher Arbeitsrichtungen und Karrierephasen. Ältere US-Preisträger nehmen zum Beispiel eher die Rolle des Diskussionspartners, Beraters und Vermittlers internationaler Kontakte ein. Jüngere Preisträger sind meist forschende Partner, deren Aufenthalte tendenziell mehr messbare Resultate hervorbringen (Publikationen, Nachfolgemobilität). Enge persönliche Kontakte zum Gastgeber und biographische Bezüge nach Mitteleuropa beeinflussen das Zustandekommen der Aufenthalte am häufigsten. Da Letztere aus historischen Gründen stark rückläufig sind, werden in Zukunft andere Anreize (wissenschaftlich, programmbezogen, kulturell) und die Verstärkung persönlicher Beziehungen durch Austauschprogramme immer wichtiger werden, um US-Wissenschaftler nach Deutschland zu holen.

Die Arbeit legt besonderen Wert auf die Verknüpfung historisch-geographischer, wissenschaftspolitischer und theoretischer Erkenntnisinteressen zu internationalen Wissenschaftsbeziehungen. Mit der Formulierung einer erweiterten Akteursnetzwerkperspektive knüpft sie an jüngere Diskussionen in den "science studies" an und legt darauf aufbauend ein Konzept zur Erklärung alters- und fachbezogener Kooperationskulturen vor.

Zusätzlich zur Internetpublikation (http://www.ub.uni-heidelberg.de/archiv/2125) wird Ende 2002 ein Buch erscheinen: Jöns, Heike (2002): Grenzüberschreitende Mobilität und Kooperation in den Wissenschaften: Deutschlandaufenthalte US-amerikanischer Humboldt-Forschungspreisträger aus einer erweiterten Akteursnetzwerkperspektive. Heidelberg. (= Heidelberger Geographische Arbeiten 116).

Heike Jöns 11.12.2002
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