Startseite der Alexander von Humboldt-Stiftung Humboldt Kosmos Startseite
   NACHRICHTEN   
   AKTUELL
>> NACHRICHTEN
   TITELTHEMA
   PRISMA
   KUNST UND
   KULTUR
   LANDESBLICKE
   STADTRUNDGÄNGE
   MENSCHEN UND
   EREIGNISSE
   SERVICE
   INTERVIEW
   PORTRÄT


   impressum

Dienstrechtsreform: Qualifikation in kürzerer Zeit?

Diskussion um die Habilitation als Regelqualifikation

Wer gerne forschen und lehren möchte, bisher aber durch die langen Jahre der Qualifikation an deutschen Hochschulen abgeschreckt wurde, erhält bald eine neue Chance: Für das kommende Jahr ist die Reform des Hochschul-Dienstrechts geplant, deren wichtigste Neuerung die Abschaffung der Habilitation als Regelqualifikation ist. Der Einstieg in die Laufbahn zur Professorin oder zum Professor wird modifiziert. Hintergrund dieser Initiative ist unter anderem der Wunsch, den Wissenschaftsstandort Deutschland international wettbewerbsfähiger zu machen. Der für die kommenden Jahre erwartete Generationenwechsel in der Professorenschaft begünstigt aus Sicht der Fürsprecher den Zeitpunkt der Reform.

Allerorts wird der Mangel an Computerspezialisten beklagt. Engpässe in anderen innovationsrelevanten Disziplinen, wie Ingenieurwissenschaften und Life Science, werden folgen. Neben der sinkenden Zahl von Hochschulabsolventen wird die Ursache hierfür auch in der Abwanderung qualifizierter Wissenschaftler, vor allem in Richtung USA, gesehen. Eine vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in Auftrag gegebene Studie befasst sich mit der Situation der deutschen Nachwuchswissenschaftler in den USA und zieht Vergleiche zwischen dem deutschen und dem US-amerikanischen Wissenschaftssystem. Positiv bewerten die deutschen Post-Docs die Qualität ihrer wissenschaftlichen Ausbildung. Demzufolge ist diese in Deutschland breiter angelegt und vermittelt ein besseres Grundwissen (darum sind deutsche Post-Docs in den USA auch gerne gesehen).

Die Hauptkritik der Nachwuchsforscher am deutschen Wissenschaftsbetrieb richtet sich nach Aussage der BMBF-Studie gegen dessen starke "C4-Orientierung". Die lange Phase zwischen der Dissertation und der Berufung als Professorin oder Professor wird nicht selten als "gewaltige Verschwendung von Talent und Kreativität" betrachtet. Junge Kollegen werden nicht ernst genommen und laufen mit ihren Ideen ins Leere. Professoren, die mit administrativen Aufgaben überlastet sind, über-tragen Lehr- und Verwaltungsaufgaben auf ihre Assistenten, denen dann entsprechend weniger Zeit für die eigene Forschung bleibt.

Um Deutschland als Wissenschaftsstandort sowohl für die eigenen als auch für ausländische Forscher attraktiver zu machen, soll das deutsche Universitätssystem in entscheidenden Punkten verändert werden. Ein zentraler Aspekt hierbei ist die Verkürzung des Qualifikationsweges zur Professur. Dissertationen und Habilitationsschriften wurden in den vergangenen Jahren immer umfangreicher. Was vor 30 Jahren eine Habilitation abgab, gilt heutzutage als Doktorarbeit. Infolge der steigenden Anforderungen liegt das Alter, in dem der wissenschaftliche Nachwuchs in die berufliche Unabhängigkeit entlassen wird, inzwischen bei rund 40 Jahren. Diejenigen, die trotz Habilitation keine Stelle finden, stehen nach langer Forschungstätigkeit beruflich vor dem Nichts und gelten für den Einstieg in andere Berufsfelder als zu alt.

Vor diesem Hintergrund haben sich nicht nur die Expertenkommission des BMBF, sondern auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und der Wissenschaftsrat (das wissenschaftspolitische Beratungsgremium für Bund und Länder) für den Verzicht auf die Habilitation ausgesprochen. Der Referentenentwurf des Bundesforschungsministeriums zum Fünften Gesetz zur Änderung des Hochschulrahmengesetzes (vorgelegt im April 2001) sieht die Einführung einer Juniorprofessur als wichtigste Voraussetzung für den späteren Antritt einer Professur vor. Diese Stellen werden - so die Überlegungen - auf zwei mal drei Jahre befristet und sollen im Anschluss an die Promotion angetreten werden. Die Juniorprofessuren werden im Unterschied zu den bisherigen Assistentenstellen nicht mehr einzelnen Professuren zugeordnet, sondern bei dem jeweiligen Fachbereich angesiedelt sein. Auf diese Weise und durch den Wegfall der Ausrichtung auf den formalen Qualifikationsnachweis der Habilitation soll die Selbstständigkeit der Nachwuchswissenschaftler in Forschung und Lehre gewährleistet werden. Darüber hinaus ist die Ausstattung der Juniorprofessuren mit einem eigenen Budget und einer drittmittelfähigen Grundausstattung geplant. Um für Wissenschaftler mit atypischen Lebensläufen keine Barrieren zu errichten, soll es für die Einstellung von Juniorprofessoren keine Altersgrenze geben.

Die Bewertung der Leistung des Juniorprofessors erfolgt bei dessen Berufung auf eine Lebenszeitprofessur. Sie wird also nicht mehr - wie bisher - von der Institution vorgenommen, die er gerade verlässt, sondern von derjenigen, die ihn aufnimmt. Je nach den Anforderungen der Stelle sind bei Antritt einer Professur über die Promotion hinausgehende wissenschaftliche Leistungen nachzuweisen. Bei den Naturwissenschaftlern werden vermutlich weiterhin Veröffentlichungen in Zeitschriften erwartet werden, bei den Geisteswissenschaftlern wird es das "zweite Buch" sein. Als Alternativen zur Juniorprofessur sollen die Qualifizierung aufgrund beruflicher Tätigkeit, die wissenschaftliche Qualifizierung im Ausland oder die Qualifizierung durch Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Hochschule oder außeruniversitären Forschungseinrichtung gelten.

Während bisher das Dienstalter ein wichtiges Kriterium für die Besoldungshöhe war, wird sich das Professorengehalt nach den Plänen von Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn demnächst aus einem Mindestbetrag und einem leistungsbezogenen Anteil zusammensetzen. Das neue Besoldungssystem soll - wenn sich das Konzept des BMBF durchsetzt - an Universitäten und Fachhochschulen gleichermaßen eingeführt werden. In den Reihen der Professoren stoßen die geplanten Veränderungen teilweise auf Widerstand. So bezeichnete der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes (der Berufsvertretung der Universitätslehrer), Professor Hartmut Schiedermair, den Referentenentwurf zur Novellierung des Hochschulrahmengesetzes in einer öffentlichen Stellungnahme als "Reißbrettentwurf minderer Qualität, der geeignet ist, dem wissenschaftlichen Nachwuchs an den Universitäten Schaden zuzufügen". Seine Kritik richtet sich in erster Linie gegen die geplante Abschaffung der Habilitation, die dem ausdrücklichen Willen der Mehrheit der Professoren entgegenstehe.

Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (der Vertretung der deutschen Hochschulen), Professor Klaus Landfried, hingegen spricht sich für die Einführung von Juniorprofessuren aus und hält auch eine Reform des Besoldungssystems für dringend notwendig. Landfried: "Im Augenblick wird nicht Leistung bezahlt, sondern Wirken im Dienste alimentiert, also unterhalten. Besonderer Einsatz, besondere Leistung wird überhaupt nicht honoriert. Was honoriert wird im öffentlichen Dienst im Augenblick generell überhaupt, ist Älterwerden aber nicht Leistung. Also wenn man sich international lächerlich machen will, dann muss man es so lassen wie man es jetzt hat." Nach den Kontroversen im Vorfeld wird die Diskussion Ende September in ein neues Stadium eintreten: Die erste Lesung der Gesetzesentwürfe im Bundestag ist für den 27. oder 28. September angesetzt.

15.08.2001
 zum Seitenanfang

http://www.hrk.de (Hochschulrektorenkonferenz)

http://www.hochschulverband.de (Deutscher Hochschulverband)

http://www.bmbf.de (Bundesministerium für Bildung und Forschung)


Aus der Forschung in Deutschland II. weiter >>

Aus der Forschung in Deutschland I. weiter >>

Zentrum für Europäische Bildung eröffnet. weiter >>

Mehr Geld für Forschung in Staat und Wirtschaft. weiter >>

EIT - ein neues Markenzeichen für Spitzenforschung. weiter >>

Freie Bahn für befristete Stellen. weiter >>

Mehr Geld für Geisteswissenschaften. weiter >>

Centers of Excellence in Deutschland: Humboldt-Ranking 2002 zeigt Präferenzen der Gastwissenschaftler. weiter >>

>> Alle Nachrichten >>