Evaluation
Starkes System mit Schwachstellen: Forschungseinrichtungen setzen Reformen um
Die deutsche Wissenschaftslandschaft befindet sich seit geraumer Zeit im Umbruch. Effizienter, zielorientierter, flexibler und internationaler soll künftig in den Hochschulen und Forschungsorganisationen gearbeitet werden. Der Wissenschaftsrat, das Beratungsgremium des Bundes und der Länder, setzt für den grundlegenden Strukturwandel mindestens ein Jahrzehnt an. Doch entscheidende Schritte sind bereits gemacht. Die Richtung ist deutlich erkennbar.
Die deutschen Wissenschaftsorganisationen beraten derzeit, welche Schlüsse aus den umfassenden Evaluationen der vergangenen Jahre zu ziehen sind. Gegen Jahresende soll den Regierungschefs von Bund und Ländern ein entsprechender Bericht vorgelegt werden. Die Bund-Länder-Kommission koordiniert den Prozess.
Im Dezember 1996 beschlossen Bund und Länder, die gemeinsam geförderten Forschungseinrichtungen begutachten zu lassen. Den Anfang machte die Fraunhofer-Gesellschaft (FhG). Danach nahm eine inter- nationale Kommission die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) unter die Lupe. Ein besonderes Augenmerk galt und gilt auch weiterhin den Hochschulen. Den Prüfungen durch den Wissenschaftsrat unterzogen sich die Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren (HGF), die die deutschen Großforschungseinrichtungen umfasst, und die Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz (WGL).
Was brachte bisher die Begutachtung, die Evaluation? Diese Frage wird häufig gestellt. Zunächst, so die Antwort vieler Experten, kamen Ergebnisse zutage, die aufatmen lassen: Das deutsche Wissenschafts- system mit den Hochschulen in einer zentralen Position hat sich im Grundsatz bewährt. "Das deutsche Forschungsprofil ist stark", unterstrich die internationale Kommission. Ebenso wurden Punkte identifiziert, die verbesserungsfähig sind. So werden von Hochschulen beispielsweise in stärkerem Maße Einzelprofile gefordert. Nicht jede Hochschule soll bestrebt sein, ein möglichst breites Fächerspektrum anzubieten.
Im Rahmen einer Vernetzung von Hochschulstandorten liegen Potenziale in finanzieller und struktureller Hinsicht. Darin liegt jedoch noch ein Schwachpunkt nicht nur der Hochschulen, sondern des deutschen Wissenschaftssystems insgesamt. Die Gutachter bemängeln, dass Querverbindungen, mehr Durchlässigkeit sowie ein intensiveres Zusammenwirken von Wissenschaft und Wirtschaft noch auszubauen seien.
Nach Ansicht der internationalen Kommission sollen zum Beispiel die Max-Planck-Institute und die Universitäten "in beiderseitigem Interesse" enger zusammenrücken. Daran haben beide Seiten bereits gearbeitet und unter anderem den Start der ersten zehn "International Max Planck Research Schools" für Dezember 2001 angekündigt. Mit diesen Einrichtungen möchten MPG und Universitäten die erforderlichen wissenschaftlichen Nachwuchskräfte für eine Promotion in Deutschland gewinnen. Die Institutionen erfüllen mit dieser Maßnahme gleich zwei weitere Empfehlungen der Evaluationen: eine bessere Förderung der Jungforscher und ein höheres Maß an Internationalität des deutschen Wissenschafts- systems. Die bereits von der DFG eingerichteten internationalen Graduiertenkollegs weisen auch in diese Richtung. Jörn Brand, Leiter der Abteilung Forschungsförderung bei der Bund-Länder-Kommission, hebt allerdings hervor: "Unsere Wissenschaftseinrichtungen müssen außerhalb Deutschlands einfach stärker in Erscheinung treten, das gelingt nicht allein durch internationale Kooperationen."
Das Stichwort Wettbewerb zieht sich wie ein roter Faden durch die Evaluationen. Sowohl innerhalb der jeweiligen Institutionen als auch zwischen den Forschungseinrichtungen soll der Wettbewerb einerseits um wissenschaftliche Profile und andererseits um finanzielle Mittel zunehmen. Ein Beispiel hierfür ist die verstärkte "programmbezogene Finanzierung" der Helmholtz-Gemeinschaft. Im Einzelfall sieht das Ver- fahren folgendermaßen aus: Bund und Länder geben den forschungspolitischen Rahmen vor, um die wissenschaftlichen Projekte und Inhalte konkurrieren dann die For- scher innerhalb der HGF miteinander. Nicht unkritisch wird diese Entwicklung gesehen. Professor Wolfgang Frühwald, Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung, bemerkt: "Die Forschung wird zunehmend enger an politischen Vorgaben ausgerichtet. Das wird Konsequenzen haben, die heute noch nicht absehbar sind." Eine Gefährdung der Stärke deutscher Forschung, der langfristig angelegten Grundlagenforschung jedenfalls sei heute schon erkennbar.
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